Nahost

Wie geht es nach Beginn eines neuen Iran-Kriegs weiter?

28. Februar 2026 , 19:46 Uhr

Israel und die USA bombardieren Ziele im Iran. Teheran schlägt zurück. Die Nahost-Region steht vor einer gefährlichen weiteren Eskalation.

Israel und die USA haben am Samstagmorgen koordinierte Luft- und Raketenangriffe gegen Ziele im Iran gestartet. Teheran meldete als Reaktion Angriffe auf Ziele in Israel sowie auf mehrere US-Militärstützpunkte in der Golfregion. Israel nennt seine Operation «Brüllen des Löwen», die USA sprechen vom «Einsatz gewaltiger Zorn». Anbei ein Überblick:

Was wurde angegriffen?

Anders als beim zwölf Tage langen Krieg im vergangenen Juni begannen die Angriffe überraschend am Morgen und nicht in der Nacht. Außerdem koordinierten Israel und die USA ihr Vorgehen. Israels Generalstabschef Ejal Zamir sprach vom größten Einsatz in der Geschichte der israelischen Luftwaffe.

Explosionen wurden außer in der Millionenmetropole Teheran unter anderem aus Ghom, Lorestan, Kermanschah, Karadsch und Tabris gemeldet. Auch nahe der Kulturmetropole Isfahan gab es Explosionen – dort befindet sich ein zentrales Nuklearzentrum, das bereits im vergangenen Jahr Ziel von US-Bombardierungen war. Getroffen wurden Berichten zufolge Raketendepots, Luftverteidigungsanlagen und Ziele nahe Regierungsgebäuden.

Die iranischen Streitkräfte attackierten nach eigenen Angaben als Reaktion Ziele in Israel sowie US-Militärstützpunkte in der Region. Angegriffen wurden demnach Ziele in Bahrain, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. 

In Israel wurde bis zum frühen Abend wiederholt Raketenalarm ausgelöst. In mehreren israelischen Ortschaften wurden im Laufe des Tages Gebäude von iranischen Raketen getroffen.

Welche Angriffsziele verfolgt Israel?

Israels Ministerpräsident Netanjahu begründet die Angriffe auf den Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe «nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen», sagte Netanjahu.

Die «New York Times» berichtete, Israel lege den Schwerpunkt seiner Angriffe auf Raketenlagerstätten, Produktionsanlagen und Abschussvorrichtungen.

Was ist das Ziel der USA?

US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner verteidigen – vor einer Bedrohung durch die iranische Führung. Er zielte zudem in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab: «Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.» Zudem ermutigte Trump die Iraner zu einem Machtwechsel. «Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen», sagte er. «Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.» Er fügte hinzu: «Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.» Er forderte die Revolutionsgarden, Streitkräfte und auch Polizei auf, ihre Waffen niederzulegen.

Iran-Experten sehen die Aussichten auf einen Sturz der iranischen Führung kritisch. Als Gründe führen sie an, dass die iranische Opposition nicht geeint sei und keine Risse in der Elite oder den Revolutionsgarden erkennbar seien.

Welche Ziele verfolgt der Iran?

Irans Außenminister Abbas Araghtschi betont in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat das nach Artikel 51 der UN‑Charta verankerte Recht seines Landes auf Selbstverteidigung. Der Iran betrachtet demnach alle Stützpunkte, Einrichtungen und Vermögenswerte der feindlichen Kräfte als legitime militärische Ziele. 

Das Ziel der Führung in Teheran besteht aus Sicht des Iran-Experten Vali Nasr darin, die Angriffe der USA und Israels abzuwehren, seine Position zu halten, eine Ausweitung des Krieges anzukündigen und darauf zu warten, dass besorgte regionale Akteure einen Waffenstillstand vermitteln. «Sie gehen davon aus, dass Trump, wenn er keinen schnellen Sieg erringen kann, nach einem Ausweg suchen wird und die anschließenden Verhandlungen anders verlaufen werden», schrieb Nasr auf X.

Die iranischen Revolutionsgarden schränkten den Schiffsverkehr in der strategisch wichtigen Straße von Hormus ein. Demnach erhielten Schiffe wiederholt Funkmeldungen, in denen ihnen die Durchfahrt untersagt werde. Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Passagen im weltweiten Energiehandel. 

Wie ist die Lage im Iran?

Abgesehen von offiziellen Mitteilungen dringen nur wenige Informationen nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre. Die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete, es sei ein «fast vollständiger Internetausfall».

Die staatliche Nachrichtenagentur Irna berichtete, dass bei einem Raketenangriff im Südiran mindestens 85 Schülerinnen einer Grundschule getötet und weitere 90 verletzt worden seien. Diese Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Augenzeugen berichteten per SMS, dass sich in der Millionenmetropole lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Viele Geschäfte waren geschlossen. Im Norden der lebendigen Metropole herrschte gespenstische Stille. 

Der Amtssitz des Obersten Führers, Ajatollah Ali Chamenei, wurde zerstört. Berichte über dessen Verbleib gab es zunächst nicht. Der Staat dürfte Chameneis Sicherheit zur obersten Priorität gemacht haben. 

Warum haben sich die USA und Israel gerade jetzt zu einem Angriff entschlossen?

Die Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm brachten bislang keinen Durchbruch. Die USA zogen in den vergangenen Wochen massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. US-Präsident Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt. 

Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf X, die Arbeitshypothese, die der Operation zugrunde liege, laute: Das iranische «Regime» sei schwach und brüchig. Daher könne eine gezielte, schlagkräftige und breit angelegte israelisch-amerikanische Kampagne es erheblich untergraben und vielleicht sogar die Voraussetzungen für einen internen Wandel schaffen. Das zentrale Problem sei: Was passiert, wenn diese Annahme falsch ist?

Wie geht es weiter?

Der Iran drohte mit einer «vernichtenden Antwort». Religionsführer Chamenei hatte bereits zuvor vor einem «umfassenden Regionalkrieg» gewarnt.

US-Regierungsmitarbeiter sprechen laut US-Fernsehsender CNN von einer Operation, die über Tage oder Wochen andauern könne. Es sei «kein kleiner Schlag».

Der Iran-Experte Ali Vaez von der Denkfabrik Crisis Group schrieb auf X, Vergeltungsmaßnahmen des Irans würden wahrscheinlich nicht nur direkt, sondern asymmetrisch erfolgen und möglicherweise mehrere Fronten gleichzeitig entfachen. «Wenn die Hisbollah aus dem Libanon heraus voll einsteigt, wenn Milizen US-Stützpunkte im Irak und in Syrien angreifen oder wenn die Huthi im Roten Meer eskalieren, ist dies kein bilateraler Konflikt mehr, sondern ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten Nahen Osten ausbreitet.»

Vaez wies auch auf mögliche Folgen für die Weltwirtschaft hin. «Der Iran liegt an der Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt. Selbst eine begrenzte Störung könnte zu einem Anstieg der Energiepreise, einer Beschleunigung der Inflation und einer Verunsicherung der globalen Märkte führen.»

Quelle: dpa

 

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