Fußball-Nationalmannschaft

Sieg der Emotionen: Undav schießt DFB-Elf in K.-o.-Runde

21. Juni 2026 , 03:59 Uhr

Deniz Undav hat wieder zugeschlagen. Und das gleich doppelt. Mit seinen Toren schießt der Stuttgarter die DFB-Elf gegen die Elfenbeinküste in die K.-o.-Runde der WM - und sogar zum Gruppensieg.

Alle herzten Super-Joker Deniz Undav. Die Teamkollegen und Bundestrainer Julian Nagelsmann fielen dem Doppeltorschützen um den Hals oder klatschten ihn ab. Für die emotionale Siegesfeier nach dem 2:1 (0:1) gegen die Elfenbeinküste stürmten auch die TV-Experten und früheren Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels auf den Rasen in Toronto. Undav traf in der 68. Minute erst zum wichtigen Ausgleich – und in der sehr späten Nachspielzeit (90.+4) entfachte der 29-Jährige mit dem Siegtreffer große WM-Euphorie in der Heimat. «Jetzt einfach den Flow mitnehmen», gab Undav im ZDF den Weg vor. 

Um Mitternacht in Deutschland startete die Siegesparty, in Toronto war es da früher Abend. Nach dem ausgelassenen Miteinander im Kreis auf dem Rasen genossen die DFB-Stars um Topscorer Undav den Weg zu ihren Fans. «Er ist einfach ein Vollblutstürmer», sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann im ZDF. «Er macht zwei super Tore.» Nagelsmann hob «die Emotionalität» des Erfolges hervor. «Die gesamte Gruppe hat sich den Sieg heute erarbeitet.»

Nach den Blamagen 2018 und 2022 erreichte die DFB-Elf erstmals seit dem Sommermärchen 2006 schon nach zwei Gruppenspielen die Alles-oder-Nichts-Phase. Und dank des überraschenden Punktgewinns von Curaçao beim 0:0 gegen Ecuador steht sogar schon vor dem Abschluss der Vorrunde gegen die Südamerikaner der Gruppensieg fest. Der schien nach dem Rückstand schon verloren. «Wir sind auf einem sehr guten Weg», sagte Undav.

«Siegermentalität und Teamgeist»

Frank Kessié hatte WM-Rekordtorwart Manuel Neuer und die DFB-Auswahl vor 43.036 Zuschauern in Toronto mit seinem Tor in der 30. Minute geschockt. Nach großem Kampf und viel Einsatz, aber auch vielen Fehlern gegen die physisch enorm starken Ivorer gelang aber noch der elfte Sieg in Serie.

«Siegermentalität, Teamgeist. Ich glaube, genau das ist es, was man braucht, um in einem Turnier erfolgreich zu sein», sagte Verteidiger Jonathan Tah im ZDF. «Deniz muss man heute hervorheben. Wie er reingekommen ist, ist überragend.»

In der Nacht zum Sonntag stand dann auch fest, dass das deutsche Team als Gruppensieger seinen weiteren Weg durch das Turnier schon kennt. Im Sechzehntelfinale geht es in Foxborough bei Boston gegen einen Gruppendritten. Am Donnerstag wird im Endspiel-Stadion von East Rutherford die Gruppenphase abgeschlossen.

Als Sorge nimmt der Bundestrainer eine Verletzung von Nico Schlotterbeck am linken Bein mit nach North Carolina. Der Dortmunder musste zur Halbzeit für Antonio Rüdiger ausgewechselt werden. «Es sieht auf jeden Fall nicht ganz so gut aus», sagte Nagelsmann. Schlotterbeck habe wohl etwas am Innenband. 

«Die Geschwindigkeit ist außergewöhnlich»

Sechs Tage nach dem 7:1-Knallstart in das XXL-Turnier gegen Sparringspartner Curaçao war von Beginn klar, dass der Afrikameister von 2024 ein ganz anderer WM-Prüfstein werden würde. Im kleinsten der 16 WM-Stadien fehlte bei akustischem Heimvorteil nicht viel – und Nagelsmann hätte nur kurz nach seinem 1.000-Tage-Jubiläum selbst über die frühere Führung jubeln können. Nach schöner Flanke von Kapitän Joshua Kimmich hätte Vizekapitän Kai Havertz fast per Kopf getroffen.

Noch vor der Pause lag der Ball dann zum Jubel der deutschen Delegation im gegnerischen Tor. Aleksandar Pavlovic war nach einer Kimmich-Flanke energisch zum Ball gesprungen – hatte aber nicht das Spielgerät, sondern nur Torhüter Yahia Fofana getroffen. Schiedsrichter Juan Gabriel Benitez aus Paraguay wertete das als nicht regelkonform.

Diomande zündet den Turbo 

Einen noch härteren Stimmungsdämpfer kassierte das deutsche WM-Ensemble gleich nach der ersten Trinkpause durch das 0:1. Diomande zündete den Turbo auf links, Kimmich konnte das Geschwindigkeitsdefizit nicht mit seiner sonstigen Klasse ausgleichen. Nach dem Querpass von Diomande rettete Nathaniel Brown beim ersten Schuss von Amad noch sensationell, beim zweiten Versuch von Kapitän Kessié waren er und Manuel Neuer im deutschen Tor am Ende einer Fehlerkette der deutschen Hintermannschaft machtlos. 

Dass Neuer bei seinem 21. WM-Einsatz, der ihn vor dem Franzosen Hugo Lloris zum alleinigen Rekordtorhüter machte, wieder nicht zu null spielte, wurmte ihn. Dass sich wieder nach einer Trinkpause das Spiel-Momentum veränderte, dürfte für Diskussionsstoff sorgen. Als hätten es die deutschen Fans geahnt: Beim Start der Trinkpause gab es Buh-Rufe und Pfiffe.

Schiedsrichter-Entscheidung erzürnt Nagelsmann 

Angetrieben vom sehr energischen Bayern-Regisseur Jamal Musiala brauchte die DFB-Elf einige Zeit, um sich nach dem Wirkungstreffer wieder zu straffen. Musiala leitete den nächsten deutschen Treffer durch Havertz ein. Doch wegen eines vorangegangenen Fouls von Musiala am früheren Leverkusener Odilon Kossounou zählte auch dieses Tor nicht.

Als dann nach einem Einsteigen gegen Musiala der Pfiff des Referees aus Paraguay ausblieb, wütete Nagelsmann an der Seitenlinie. Der 38-Jährige war offensichtlich erbost ob der Entscheidungen von Benitez. Aber auch der Auftritt seiner eigenen Mannschaft konnte ihn lange nicht zufrieden stimmen. Der Einsatz stimmte schon vor der großen Schlussphase – auch bei Sané, an dem Nagelsmann trotz viel Kritik festgehalten hatte. Am Ende jubelte Nagelsmann mit erhobener Faust, auch Sané konnte nach dem Sieg lachen.

Nagelsmann mit Dreifachwechsel

Nach einer Stunde hatte Nagelsmann mit einem Dreifachwechsel den erfolgreichen und entscheidenden Impuls gesetzt. Undav sowie überraschenderweise auch Jamie Leweling und Amiri kamen für Pavlovic, Musiala und Sané. Gegen die in der gesamten WM-Qualifikation und beim 1:0 zum Auftakt gegen Ecuador ohne Gegentreffer gebliebenen Westafrikaner verfehlte ein Kopfball von Havertz nach einem Fofana-Fehlgriff nur knapp das Tor (64.).

Dann endlich konnte Nagelsmann jubelnd die Faust ballen, als eine Co-Produktion seiner Joker für den umjubelten Ausgleich sorgte. Amiris Flanke verwandelte Undav eiskalt zum 1:1 – und erzielte in der Nachspielzeit sogar noch den Siegtreffer. «Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor. Er braucht nicht viele Chancen», sagte Amiri bei MagentaTV. 

Der Stuttgarter baute seine Topquote als Super-Joker auf neun Tore in elf Länderspielen aus. Der 29-Jährige bewarb sich damit um die Beförderung in die Startelf gegen Ecuador. «Das ist absolut im Bereich des Möglichen», sagte Nagelsmann.

Quelle: dpa

 

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