Die Protagonisten des FC Bayern München wirkten genervt nach dem überraschenden 2:2 (1:1) beim Hamburger SV im Nord-Süd-Klassiker: Harry Kane schimpfte auf dem Weg in die Kabine. Und auch Sportvorstand Max Eberl und Manuel Neuer waren nach dem kräftezehrenden XXL-Januar gereizt. Vor allem die Leistung des Schiedsrichters gefiel dem bayerischen Tabellenführer der Fußball-Bundesliga überhaupt nicht.
Eberl sprach beim TV-Sender Sky generell von einem «Schiedsrichter, der etwas überfordert war aus meiner Sicht. Der viele Situationen nicht gut eingeschätzt hat. Das ist meine Meinung.» Später legte er in den Katakomben des Volksparkstadions nach. Schiedsrichter Harm Osmers sei laut Eberl auf «sehr viele Fallen des HSV reingefallen». Bayerns Sportvorstand bezog die Aussage auf das aus seiner Sicht praktizierte Zeitspiel des Gegners.
«Mich nervt auch die Thematik mit den Ballkindern», schob Eberl hinterher. «Ich bin froh, wenn wir endlich dieses Ballsystem haben, dass einfach die Bälle am Boden liegen, weil diese Balljungen den Ball einfach festhalten. Das nervt einfach und macht das Spiel kaputt», erklärte Eberl. Er betonte aber auch, dass die Kritik keine Entschuldigung für das Remis sein solle.
Trainer Vincent Kompany war in seiner Kritik etwas milder. Insgesamt 16 Minuten an Nachspielzeit seien ein Beleg dafür, dass im Spiel etwas passiert sei. «Ich hatte das Gefühl, dass deutliche Situationen einfach kompliziert gemacht worden sind», sagte er.
HSV-Trainer Merlin Polzin stimmte nicht in die Kritik ein. Ganz im Gegenteil: Man habe gesehen, dass das Schiedsrichter-Team «trotzdem alles versucht hat, um das Spiel bestmöglich auch zu leiten. Also da sind wir auch von HSV-Seite sehr zufrieden mit der Leistung», sagte der junge Aufstiegscoach. «Wir haben alles versucht, in unserem Rahmen der Möglichkeiten das auf eine faire Art und Weise dann herunterzuspielen. Ich glaube, das ist auch legitim und war jetzt weit weg von Unfairness», sagte Polzin.
Das Remis der Bayern deutet zwar noch nicht auf eine ernste Krise hin. Aber es verdeutlichte mindestens die Sehnsucht des deutschen Fußball-Rekordmeisters nach einer langen Trainingswoche ohne Königsklassen-Unterbrechung. Am Ende eines arbeitsreichen Monats scheinen die Bayern etwas nach Luft zu ringen.
«Wir haben jetzt einen sehr, sehr komplizierten Januar hinter uns mit diesen sieben Spielen in 20 Tagen. Wir sind jetzt froh, dass der vorbei ist. Und jetzt können wir ein Stück weit eben auch vom Kopf her mal abspannen, vom Kopf her mal runterfahren», sagte Eberl.
Nach der ersten Liga-Niederlage der Saison gegen den FC Augsburg in der Vorwoche blieben die zuvor so dominanten Bayern auch beim nächsten Gegner aus der unteren Tabellenhälfte sieglos. Fußball-Deutschland erhielt innerhalb von einer Woche eine Erkenntnis: Der FC Bayern ist aktuell verwundbar. Die Frage lautet: Sind das nur die angesprochenen Abnutzungserscheinungen oder der Beginn eines ungemütlichen Trends?
Kapitän Manuel Neuer wollte eine nationale Mini-Krise schnell beiseite wischen. «Wir stehen gut da», versicherte der erfahrene Torwart. Der 39-Jährige verwies auf das zum Ende hin furiose 5:1 in Leipzig und die beiden Champions-League-Siege gegen Union Saint-Gilloise (2:0) und in Eindhoven (2:1). Im Vergleich zum Vorjahr spart sich der FCB im Februar zwei zusätzliche Playoff-Spiele in der Königsklasse.
Für alle, die es nicht mit den Bayern halten, war das Topspiel am Samstagabend ein unterhaltsamer Leckerbissen. Die Münchner hatten gegen einen mutigen und defensiv giftigen HSV mächtig Probleme. Zudem scheiterten sie auch an Latte und Pfosten des HSV-Tores, dem eigenen Unvermögen vor dem Tor und dem wie entfesselt aufspielenden Abwehrtalent Luka Vuskovic in den Reihen der Hanseaten.
Der vom englischen Erstligisten Tottenham an den HSV ausgeliehene und europaweit begehrte Kroate antwortete auf die Treffer von Harry Kane und Luis Diaz mit einem wuchtigen Kopfballtreffer – und brachte den HSV zurück ins Spiel.
«Für uns fühlt sich das Unentschieden natürlich mehr an wie eine Niederlage», sagte Neuer. Zumal der FCB in den beiden vergangenen Ligapartien gleich vier seiner insgesamt erst 18 Gegentore kassierte. Wie schon die Augsburger waren die Hamburger läuferisch etwas besser und ebenbürtig in der Intensität.
Nun freuen sich die Bayern auf eine Champions-League-freie Trainingswoche vor der Spitzenpartie am kommenden Sonntag gegen die stark aufspielende TSG Hoffenheim. Die Ergebnis-Delle scheint Sportvorstand Eberl nicht nervös zu machen. Der Vorsprung auf Dortmund ist weiter da. «Das ist jetzt gerade eine Phase. Da müssen wir mal durch», sagte Eberl.
Quelle: dpa