Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will weitere entschlossene Schritte für die Kampfbereitschaft der Bundeswehr gegen neue Gefahren. «Die Bedrohungen und die Art und Weise, wie Konflikte auf der Welt heute geführt werden, haben sich fundamental verändert und sie werden sich auch noch weiter verändern», sagte er bei einem Truppenbesuch im niedersächsischen Munster, an dem auch Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil teilnahm.
Beschaffung, Strukturen, personelle Ausstattung und Infrastruktur müssten allesamt auf diese Veränderungen und neuen Herausforderungen ausgerichtet sein und synchronisiert werden. Deutschland müsse jetzt schon abschreckungs- und verteidigungsbereit sein, fähig zum «fight tonight», sagte Merz. Gleichzeitig müsse sich das Land auf die Herausforderungen von morgen und übermorgen vorbereiten. «Dies wird mit weiter größten Kraftanstrengungen verbunden sein.»
Mit der in Munster laufenden Lehr- und Versuchsübung «Wie das Heer kämpfen wird» sammeln die Soldaten Erfahrungen mit veränderten Bedrohungen.
Merz fuhr in einem Radpanzer GTK Boxer, begleitet von zwei Schützenpanzern des Typs Marder und Puma, zur Schießbahn drei des Truppenübungsplatzes. Die Strecke durch Heide und Kiefernwald führte entlang verschiedener Stationen, an denen Einsatzszenarien wie Instandhaltung, Luftabwehr und ein beweglicher Gefechtsstand mit Drohnenabwehr präsentiert wurden.
Auf der Schießbahn selbst beobachtete der Kanzler von einer Tribüne aus die dynamische Vorführung eines Gefechtsablaufs, bei der unterschiedliche Waffengattungen zum Einsatz kamen – neben Tiger-Kampfhubschraubern auch Panzer vom Typ Leopard 2 A6 und Panzerhaubitzen sowie Aufklärungs- und Kampfdrohnen für den Einsatz am Boden und in der Luft.
Dargestellt wurde im staubigen Sand der Heide ein teils von KI mitgesteuertes Gefechtsszenario, in dem ein Angreifer aus dem Osten auf eigenes Territorium vorrückte, dann aber erfolgreich zurückgedrängt wurde.
«Durch Transparenz des Gefechtsfeldes, technologischen Fortschritt und Automatisierung der Waffen entstehen neue Möglichkeiten, auch über weite Entfernung präzise zu wirken», sagte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, vorher der Deutschen Presse-Agentur.
Für die Männer und Frauen der Bundeswehr gebe es im Kampf «keine geschützten Räume mehr», sagt Freuding. Das habe für die Landstreitkräfte revolutionäre Folgen.
«Massierung, also das gezielte Zusammenziehen und Konzentrieren von Truppe und Waffenwirkung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, war über Jahrhunderte die Voraussetzung für eine solche Schwerpunktbildung, für Initiative, für Entscheidung. Diese Massierung wird heute zum inhärenten Vernichtungsrisiko», sagt er. Und: «Wir müssen künftig anders kämpfen.»
Um nicht leichtes Ziel zu sein, müssen die Soldaten aufgelockert in der Fläche verteilt, gar vereinzelt und nur als Ausnahme und zeitlich begrenzt «massiert» auftreten. Das Heer schaut dabei auch auf die Kampfweise des möglichen Gegners.
Russland hat gegen die Ukraine im vergangenen Jahr bis zu 300.000 Kleindrohnen sowie rund 100.000 sogenannte Kamikazedrohnen eingesetzt. Gegen eine solche Masse müssen günstige Abwehrwaffen her.
Zudem erhöht der Datenfluss aus Beobachtungssystemen sowie der Einsatz von KI-Waffen das Tempo im Gefecht. Deutsche Militärs haben in ukrainischen Gefechtsständen gesehen, wie im Sekundentakt Informationen eintreffen, ausgewertet und für die Bekämpfung genutzt werden.
Erklärtes Ziel Russlands ist es, seine Streitkräfte auf 1,5 Millionen aktive Soldaten zu vergrößern. Zugleich lernt das russische Militär schnell und rüstet im großen Maßstab auf, wie das deutsche Militär beobachtet.
Westliche Militärexperten erwarten, dass Russland nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs innerhalb von zwei Jahren über mehr als 20 kampferfahrene Heeresdivisionen in seinen westlichen Militärbezirken verfügen könnte. Eine Division kann in den russischen Streitkräften 10.000 bis 20.000 Soldaten zählen.
Zum Vergleich: Das deutsche Feldheer – also die Kampftruppe zu Lande – besteht derzeit aus drei Divisionen, darunter die 1. und 10. Panzerdivision sowie die Division Schnelle Kräfte (DSK) als leichte und hochbewegliche Infanterie. Eine deutsche Division umfasst inklusive Unterstützungskräften etwa 20.000 Soldaten. Die deutschen Divisionen würden im Fall der Fälle zusammen mit den anderen Nato-Verbündeten kämpfen.
Um unter den veränderten Bedingungen auf dem Gefechtsfeld noch beweglich und handlungsfähig zu sein, ist ein sogenannter Schutzschirm nötig. Er besteht aus Tarnung, Sensoren und Warnmitteln gegen Angriffe des Gegners sowie den eigenen Waffensystemen. Der Schutzschirm reicht vom Einzelschützen bis hin zum Luftverteidigungssystem.
Die Annahme: Bundeswehr und ein möglicher Gegner werden entlang von Kampfgebieten um den Aufbau und dauerhaften Erhalt ihrer eigenen Schutzschirme ringen müssen, wobei sich diese teils überlagern.
Quelle: dpa