Auch Tage nach Halloween werden neue Fälle von mit Nadeln oder Metallgegenständen bestückten Süßigkeiten bekannt. Eltern entdeckten etwa in Bayern in einem Kaubonbon und in zwei Schokoriegeln Nadeln, in Baden-Württemberg wurde eine Schraube in einem Kaubonbon gefunden, auf Usedom steckte eine Büroklammer in einer Süßigkeit und in Thüringen fand sich unter anderem eine Stecknadel im Naschwerk. Wieso häufen sich ausgerechnet in diesem Jahr derartige Fälle – und was steckt dahinter?
Die Vorkommnisse erinnerten an ein Phänomen aus dem englischsprachigen Raum, ordnete Lisa Natter von der Kriminologischen Forschungsgruppe beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) auf dpa-Anfrage ein: den «Halloween Sadism», zu Deutsch Halloween-Sadismus. Der US-Soziologe Joel Best habe den Begriff bereits in den 1980er-Jahren geprägt. «Er hat das als moderne urbane Legende untersucht, die als wahr erzählt wird und auch gesellschaftliche Ängste ausdrückt, deren tatsächliches Ausmaß aber häufig durch empirische Belege nicht gedeckt ist», erklärte Natter.
Wichtig sei dabei: Einzelne Fälle – wie jetzt in Deutschland, aber auch zum Beispiel in Österreich, Irland, Dänemark und Norwegen – würden damit nicht bestritten. «Es zeigt sich vielmehr, dass die Erzählungen als Resonanzraum für allgemeinere gesellschaftliche Ängste dienen.» Im Hinblick auf die Sicherheit und den Schutz von Kindern handele es sich zudem um ein emotionales Thema.
Eine systematische Forschung zu «Halloween Sadism» gebe es allerdings nicht – auch, weil kaum Täter ermittelt würden, erklärte die Expertin. «Angesichts dessen ist natürlich sehr schwierig, irgendwelche Schlussfolgerungen etwa zu Motiven zu ziehen. Das bleibt alles sehr spekulativ.» Generell sei es aber so, dass nicht zwingend Sadismus – also eine gezielte Schädigungsabsicht – hinter den Taten stehen müsse. Denkbar sei auch, dass Täter provozieren wollten, Aufmerksamkeit suchten oder schlicht Taten nachahmten.
So stellte sich beispielsweise bei einem Fall in Thüringen heraus, dass ein neun Jahre altes Mädchen selbst einen Holzspieß in einen Schokoriegel gesteckt hatte. Der Vater des Kindes zog eine Anzeige bei der Polizei deshalb zurück. Auch aus den USA seien Einzelfälle bekannt, in denen die Geschädigten die Süßigkeiten selbst präpariert hätten, sagte Natter.
Auch in Bayern gibt es mittlerweile zwei Fälle, in denen Kinder eingeräumt haben, Süßigkeiten selbst mit Gegenständen präpariert zu haben. Beide Kinder sind nach Polizeiangaben wegen ihres Alters strafunmündig.
Auffällig ist die Häufung von Halloween-Fällen in diesem Jahr. Beispiel Bayern: Hier gab es laut einer vorläufigen Auswertung des Vorgangsverwaltungssystems IGVP in den vergangenen drei Jahren lediglich drei von der Polizei erfasste Fälle, in diesem Jahr aber bereits 25, wie das BLKA mitteilte. Diese Zahlen können sich den Angaben zufolge kontinuierlich ändern, zeigen aber zumindest Tendenzen.
Eine mögliche Erklärung dafür könne Social Media sein, hieß es von einem Sprecher der Polizei Essen: «Wir gehen aktuell davon aus, dass die Täter die Anregung zur Begehung dieser Straftaten aus dem Internet haben. Die Ermittlung zu einer solchen Quelle dauert an.» Auch Natter hält das für denkbar. Entsprechende Berichte im Internet könnten gesellschaftliche Ängste verstärken und «möglicherweise Nachahmungshandlungen begünstigen». Dem BLKA sei allerdings kein passender aktueller Social-Media-Trend bekannt.
Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), äußerte auf dpa-Anfrage die Vermutung, dass alles mit einem Menschen angefangen haben könnte, der Bekannten auf Social Media von einer manipulierten Süßigkeit berichtet habe. «Und schon verbreitet sich diese irgendwie verrückte Geschichte in der nächsten Stunde auf diesem Weg bei einer rasant wachsenden Zahl von Menschen und stößt so am selben Tag auch auf einzelne Personen, die die Tat nachahmen.»
Quelle: dpa