Schwankende Autos, klirrende Fensterscheiben, einstürzende Gebäude: Kolumbien ist von einem der schwersten Erdbeben der vergangenen Jahrzehnte mit einer Stärke von 7,4 heimgesucht worden. Nach einer vorläufigen Bilanz des kolumbianischen Städteverbands Asocapitales kamen mindestens 169 Menschen ums Leben, 668 wurden verletzt. Die Zahl dürfte weiter steigen, da die Rettungs- und Bergungsarbeiten noch laufen. Der gerade erst vereidigte Präsident Abelardo de la Espriella gab die Zahl der Toten am Montag (Ortszeit) während eines Krisentreffens noch mit 111 an.
Besonders schwer getroffen wurden Städte rund um das Epizentrum nahe San José del Palmar im Westen des Landes. Dort brachte das Beben zahlreiche Gebäude entweder ganz zum Einsturz oder beschädigte sie. Unter vielen Trümmern werden noch Menschen vermutet. Alleine in der Millionenstadt Cali, die südlich des Epizentrums liegt, würden 188 Menschen vermisst, sagte Präsident De la Espriella am Abend auf einer Pressekonferenz vor Ort. «Darauf werden sich jetzt all unsere Kräfte konzentrieren.» Laut Asocapitales wurden dort bisher 85 Tote gemeldet. Die Stadtverwaltung in Cali sprach von 95 Toten.
Neben Cali sind unter anderem auch die Städte Pereira und Manizales stark getroffen worden. Allein Pereira verzeichnete nach jüngsten Angaben der Stadtverwaltung bisher 66 Tote. Elf weitere Menschen würden vermisst, 53 gelten dem Post auf der Plattform X zufolge als verschüttet. 58 Gebäude seien komplett eingestürzt.
Auch der Flughafen der Stadt am Rande des großen Kaffeeanbaugebietes Eje Cafetero sei nur noch eingeschränkt betriebsbereit. Cali selbst ist für die vielen Salsa-Schulen bekannt und ein beliebtes Reiseziel auch für Touristen aus Europa. Regierung und lokale Behörden mobilisierten alle Ressourcen und arbeiteten ungeachtet politischer Differenzen zusammen, sagte De la Espriella weiter.
Für den rechten Politiker, der vor seiner Wahl auf die Unterstützung von US-Präsident Donald Trump zählen konnte, ist die Naturkatastrophe die erste große Bewährungsprobe. «An erster Stelle steht die Rettung der Menschen, die unter den Trümmern begraben sind», sagte der Staatschef. Er suchte gleich mehrere stark getroffene Städte hintereinander auf. Seine Regierung rief den Notstand aus.
Das Beben ereignete sich am Montagmorgen um 7.34 Uhr Ortszeit nahe San José del Palmar im Departamento Chocó im Westen des Landes in einer Tiefe von rund 103 Kilometern, wie Kolumbiens Geologischer Dienst mitteilte.
Im Anschluss wurden zahlreiche Nachbeben registriert. Die Erschütterungen waren ebenfalls in Kolumbiens weiter östlich gelegenen Hauptstadt Bogotá sowie in den Städten Medellín, Popayán und Armenia zu spüren. Auch in Ecuador, Venezuela und Panama wurde das Beben Berichten zufolge wahrgenommen.
In den Straßen schwankten Autos, Fensterscheiben klirrten und Menschen verließen panisch ihre Häuser. «Zuerst dachte ich, es wäre etwas Leichtes. Aber als es dann immer stärker wurde und nicht aufhörte, dachte ich, wir würden sterben», schilderte eine Frau aus Manizales dem Sender «La FM» den Moment des Bebens.
«Ein Teil meines Hausdachs ist eingestürzt und die Wände sind rissig», erzählt Juan Bernal aus der Stadt Armenia. Selbst im mehrere Hundert Kilometer vom Epizentrum entfernten Bogotá war die Erschütterung noch deutlich zu spüren: «Die ganze Wohnung, das ganze Gebäude hat geschwankt. So ein Erdbeben habe ich hier noch nicht erlebt», berichtete Kristin Wesemann von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS).
«Wir haben hier ein vierstöckiges Gebäude, das vollständig eingestürzt ist. Wir haben bereits drei Personen lebend bergen können», sagte in Cali der diensthabende Feuerwehrchef im Viertel La Alameda gegenüber dem Sender «Caracol». Zahlreiche Anwohner helfen demnach bei der Suche nach Erdbebenopfern in den Trümmern.
Die Stromversorgung sowie Telefon- und andere Kommunikationsverbindungen sind beeinträchtigt. Sechs Flughäfen sind dem Präsidenten zufolge wegen Schäden an ihrer Infrastruktur derzeit für den kommerziellen Flugverkehr außer Betrieb. In Manizales wurde auch die Kathedrale schwer beschädigt.
Mehrere Länder boten ihre Unterstützung an – auch aus Deutschland und der EU kamen Hilfsangebote. Das Auswärtige Amt erklärte, das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar und es müsse mit vielen weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang gebe es keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl für die Opfer. Die EU stellte nach Angaben einer Sprecherin zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit. Zudem wurde der Erdbeobachtungsdienst Copernicus aktiviert, um das Ausmaß der Schäden zu erfassen. Kolumbien hat außerdem den EU-Katastrophenschutzmechanismus um Unterstützung gebeten.
Das Beben in Kolumbien erinnerte an die schweren Erdstöße im Nachbarland Venezuela vor wenigen Wochen. Dort erschütterten am 24. Juni innerhalb von wenigen Sekunden zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden des Landes. Tausende Menschen kamen ums Leben.
Einen Zusammenhang sieht der Kolumbianische Geologische Dienst (SGC) indes nicht. Die beiden Beben wurden demnach durch Bewegungen unterschiedlicher Erdplatten ausgelöst: In Venezuela war die Karibische Platte beteiligt, in Kolumbien die vor der Pazifikküste liegende Nazca-Platte.
Das zuvor heftigste Erdbeben ereignete sich 1958 vor der Küste zwischen Ecuador und Kolumbien mit einer Stärke von 7,6. Dabei kamen laut Geologischem Dienst lediglich 15 Menschen ums Leben. Im Jahr 1999 wiederum waren in der Stadt Armenia und nahe gelegenen Gemeinden bei einem Erdbeben der Stärke 6,1 mehr als tausend Menschen ums Leben gekommen.
Quelle: dpa