Die Bayern-Profis stürmten nach dem Abpfiff zu Harry Kane, kurz darauf gab es für den Matchwinner noch eine innige Umarmung von Trainer Vincent Kompany. Mit einem Hattrick hat der eiskalte Torjäger die Münchner zum lang ersehnten 21. Pokalsieg und dem Double geführt. In einem lange Zeit zähen DFB-Pokalfinale entthronte der Meister den Titelverteidiger VfB Stuttgart mit einem schließlich hochverdienten 3:0 (0:0).
Kane war erst mit dem Kopf nach einer präzisen Flanke von Michael Olise erfolgreich (55. Minute). Dann zeigte der Engländer bei seinem 60. Pflichtspieltor in dieser Saison seine ganze Klasse im Strafraum, als er mit dem rechten Fuß VfB-Torwart Alexander Nübel ein zweites Mal überwand (80.). Mit einem sicher verwandelten Handelfmeter setzte der englische Starstürmer in der zweiten Minute der Nachspielzeit auch den Schlusspunkt.
«Ich habe mich so auf dieses Finale gefreut. Ich wollte die Fans stolz machen. Ein Hattrick im Finale in einem so besonderen Spiel ist ein besonderes Gefühl. Ich bin sehr stolz darauf nach einer langen Saison. Sie so zu beenden, ist perfekt», sagte Kane am Sky-Mikrofon.
Mittendrin in der Münchner Jubeltraube war auch Nationaltorwart Manuel Neuer, der wegen einer Wadenverletzung nicht mitwirken konnte. Für den 40-Jährigen war es der siebte Pokal-Triumph. Damit zog Neuer mit Bastian Schweinsteiger als Rekordsieger gleich. Und auch Joshua Kimmich war überglücklich über das Ende der Pokal-Durststrecke. «Wir wollten das Ding unbedingt gewinnen – für uns, unsere Familien und den Club, weil das schon etwas Besonders ist», sagte der Mittelfeld-Lenker in der ARD.
Sechs Jahre nach ihrem letzten Triumph im Berliner Olympiastadion benötigten die Münchner jedoch immense Geduld, weil der VfB über weite Strecken mit viel Laufarbeit, Disziplin und körperlicher Robustheit gut dagegenhielt. Doch bei den entscheidenden Szenen fehlte der Stuttgarter Defensive vor 74.036 Zuschauern der Zugriff.
«Wir wollten gewinnen. Das haben wir nicht geschafft. Wir können aber trotzdem stolz auf sein, denn wir haben eine überragende Saison gespielt», resümierte VfB-Stürmer Deniz Undav und fügte hinzu: «Es gibt schlimmeres, als gegen die Bayern zu verlieren. Wir haben ihnen lange Probleme bereitet.»
Nach der frühzeitigen Meisterschaft in der Bundesliga und dem unglücklichen Halbfinal-Aus in der Champions League gegen Paris Saint-Germain war zuletzt darüber spekuliert worden, ob die Saisonbewertung der Bayern von nur einem einzigen Spiel abhängen würde. Hätten die Bayern nicht gewonnen, hätte die Bundesliga-Rekordsaison laut Kane «einen bitteren Beigeschmack» gehabt. So endete sie im großen Münchner Jubel und einer nächsten Partynacht.
Ohne Kapitän Neuer, der nach seiner spektakulären Rückkehr in die Nationalmannschaft kein Risiko eingehen wollte und aussetzte, taten sich die Bayern erst einmal schwer. VfB-Trainer Sebastian Hoeneß hatte von seiner Mannschaft «Mut» und «sehr viel Überzeugung in jeder Spielphase» gefordert. Als «selbstbewusster Außenseiter» wollten die Schwaben auftreten, um die Bayern zu ärgern und zu Fehlern zu zwingen. Das setzten sie lange konsequent um.
Schon früh bot sich die erste Gelegenheit: Neuer-Vertreter Jonas Urbig spielte einen unsauberen Pass im Spielaufbau. Doch Angelo Stiller verzog deutlich. Auch Maximilian Mittelstädt, der beim VfB wie Mitspieler Chris Führich nicht für die WM nominiert wurde, kam zu Abschlüssen (9./17.) und sorgte für erste Gefahr.
Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte im Vorfeld vermutet, dass das nicht berufene Duo besonders motiviert sein würde: Sie wollten sicher zeigen, «dass meine Entscheidung eher ein Fehler war».
Mit gewaltigem Aufwand unterband Stuttgart das gewohnte Münchner Spiel. Laufstark und aggressiv jagten die Schwaben hinterher und zwangen die zunehmend genervten Bayern oft zu langen Bällen. Klare Abschlüsse blieben aus: Erst ein Kopfball von Kane sorgte für eine erste Annäherung. Wenig später kam auch Luis Díaz zu einem Abschluss (30.).
Vor einem Jahr gewannen die Stuttgarter das Finale gegen den damaligen Zweitliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld mit 4:2. Es war der bisherige Höhepunkt unter Hoeneß, der die Mannschaft innerhalb von drei Jahren von einem Fast-Absteiger zu einem Champions-League-Teilnehmer und Pokalsieger formte.
In der Schlussphase des ersten Durchgangs veränderte sich die Statik: Die Bayern hatten inzwischen mehr Ballbesitz. Der VfB schaffte es da noch, den Rekordsieger vom eigenen Tor fernzuhalten.
Nach dem Seitenwechsel sorgten beide Fanlager mit Protesten gegen den DFB für Aufsehen: Mit Sprechchören und Transparenten wurde der Verband in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit im Berliner Olympiastadion verunglimpft. Zudem wurde wie in einer konzertierten Aktion massiv Pyrotechnik gezündet.
Inmitten des zunehmend ins Stadion ziehenden Rauches gingen die Bayern in Führung – dank der individuellen Klasse von Flankengeber Olise und der Abgebrühtheit von Kane. Für den Engländer war es der achte Treffer in dieser Pokalsaison, der neunte und zehnte folgten später. Unmittelbar nach dem Führungstreffer wurde die Partie für fünf Minuten unterbrochen.
Dass es nach Wiederbeginn nicht gleich 2:0 stand, lag an Konrad Laimer. Der aufgerückte Außenverteidiger vergab nach einer Parade von Alexander Nübel frei stehend. Die Bayern dominierten nun das Spiel und legten in der Schlussphase durch Kane noch zweimal nach. Die Stuttgarter fanden im Rauchnebel von Berlin keine Antworten mehr.
Quelle: dpa