150 Jahre Festspiele

Bayreuth-Publikum wird mit KI-«Ring» nicht warm

02. August 2026 , 13:02 Uhr

Zum Festspieljubiläum in Bayreuth durfte Künstliche Intelligenz bei der Inszenierung des «Ring» buchstäblich mitmischen: Das Experiment rief am Ende ein Buh- und Pfeifkonzert hervor.

Eine kaum nachvollziehbare Collage an Bildern hat bei den Bayreuther Festspielen auch die «Götterdämmerung» begleitet. Geschaffen wurde das Bühnenbild des vierten und letzten Teils des «Ring des Nibelungen» mit Hilfe Künstlicher Intelligenz. Beim Publikum kam das Experiment größtenteils nicht gut an: Am Ende gab es lautstarke Buh-Rufe und Pfiffe, als Kurator Marcus Lobbes und sein Team die Bühne betraten.

Der Unmut aus dem Zuschauerraum galt jedoch nicht der gesamten Aufführung: Solisten, Chor und insbesondere der musikalische Direktor Christian Thielemann wurden bejubelt und kräftig beklatscht. 

Im Jubiläumsjahr beschritten die Festspiele mit dem KI-«Ring» einmal mehr neue Wege und setzten auf neue Technologie – grundsätzlich ein spannender Ansatz. Die von Projektoren auf die Bühne geworfenen Bilder zeigten teils Szenen früherer «Ring»-Inszenierungen, teils historische Motive. Die Bilder überlagerten sich, wurden verfremdet und verzerrt. Jede Aufführung soll so zum Unikat werden.

Rätselhafte Bilderwelten

Die KI greift dabei auf eine Bildervorauswahl zurück, die von Lobbes, Direktor der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, und seinem Team getroffen wurde. Doch was die Technik daraus auf die Bühne zauberte, stellte das Publikum vor Rätsel. So tauchten neben einem Foto mit Alt-Kanzler Helmut Kohl auch die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 qualmenden Twin Towers in New York und eine Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung auf. Hier hätte die KI wohl präzisere Vorgaben gebraucht.

Ein besseres Händchen hatte die Künstliche Intelligenz, wenn sie dramatische Farbenspiele auf die Bühne projizierte – dann mussten die Zuschauer weniger über Inhalt und Daseinsberechtigung des Bildes rätseln. Die durch die Farben erzeugte Stimmung fügte sich durchaus stimmig in das musikalische Werk ein.

In den Pausen war die KI-Inszenierung das große Gesprächsthema: Von einem «Bildersalat» war die Rede, kritisiert wurde zudem eine fehlende Regie. Die Solisten interagierten und bewegten sich kaum, und so kam bei Wagners Musiktheater der Part Theater zu kurz. Zudem nahmen die Bild-Projektionen in manchen Szenen schlichtweg die Sicht auf die Sänger. Das kann man zwar als Verschmelzung von Bühnenbild und Operngesang zum Gesamtkunstwerk verstehen, es betonte die wilden Bilderwelten aber deutlich zu viel.

Harald Schmidt vermisst Requisite und Spiel

Unter den Besuchern war auch Entertainer und Neu-Wagnerianer Harald Schmidt. Der langjährige TV-Moderator ging mit dem KI-«Ring» nicht ganz so hart ins Gericht. Seiner Ansicht nach war die Bildfolge bei der «Götterdämmerung» schon ruhiger als noch beim «Rheingold». 

Wahrscheinlich lerne die KI dazu, sagte Schmidt der dpa und ergänzte: «Ich vermisse aber schon auch ein bisschen Requisite. Ein Schwert wäre schön, ein Speer, ein Amboss, irgendeine Form von Tarnkappe.» Es sei eben ein Experiment, sagte Schmidt. «Ich glaube aber, dass man sich dann doch freut, wenn es wieder eine richtige Inszenierung ist, wenn auch gespielt wird.» 

Es war nicht Schmidts erster Bayreuth-Besuch. Er sei schon vergangenes Jahr bei den Festspielen gewesen und habe «Tannhäuser» gesehen. «Da habe ich ja wirklich im dritten Akt geweint.» Unterhaltsam findet der TV-Moderator Fachsimpeleien mit Wagnerianern in der Eisdiele, wie er erzählte. Da sei es natürlich auch um die KI gegangen.

Musikalischer Genuss

Vor dem Hintergrund des etwas beliebigen Bilder-Allerleis wirkte die hochdramatische Musik umso stärker. Besonders gefeiert wurden nach der «Götterdämmerung» Klaus Florian Vogt als Siegfried, Mika Kares als Hagen und Camilla Nylund als Brünnhilde. Zusammen mit den weiteren Solisten, dem Festspielchor und dem von Thielemann geleiteten Orchester machten sie das apokalyptische Finale von Richard Wagners «Ring» zum musikalischen Genuss.

Quelle: dpa

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