«Nachtcafé»-Moderator

Backes wird 80 - Der Mann, der Menschen zum Sprechen brachte

10. September 2026 , 04:00 Uhr

Wie Wieland Backes mit leisen Tönen und echter Neugier TV-Geschichte schrieb – und selbst bei seiner schweren Krankheit offen blieb.

Es war nie seine Art, sich in den Vordergrund zu drängen. Wieland Backes brauchte keine große Geste und keinen verbalen Ellbogen. Wenn er im Ludwigsburger Barockschlösschen Platz nahm, den Blick ruhig auf seine Gäste richtete und mit sanfter Stimme die erste Frage stellte, entstand im Fernsehen etwas Seltenes: Aufmerksamkeit. Ganz ohne Aufregung.

Fast drei Jahrzehnte lang war Backes, der heute 80 Jahre alt wird, Gastgeber des SWR-«Nachtcafés». In mehr als 700 Ausgaben sprach er mit rund 5000 Menschen über Liebe und Verlust, Familie und Fremdheit, Scheitern und Neuanfang – mit Prominenten ebenso wie mit Menschen, deren Namen kaum jemand kannte. Für Backes machte das keinen Unterschied. 

Ein Spitzenpolitiker oder Showstar war ihm «genauso lieb und wichtig wie ein Hartz-IV-Empfänger aus Wanne-Eickel oder eine Aussteigerin von den Fidschi-Inseln», sagte er einmal.

Er brachte Menschen zum Erzählen

Das war sein journalistisches Prinzip: Backes wollte Menschen nicht vorführen, sondern verstehen. Er fragte behutsam, blieb hartnäckig, wenn es nötig war, und ließ Pausen zu. So brachte er seine Gäste dazu, auch über das zu sprechen, was hinter der öffentlichen Fassade versteckt war. Der «letzte Niveautalker» wurde er genannt – ein Etikett, eine Auszeichnung für den Mann, der andere zum Erzählen brachte.

«Das Nachtcafé war sein Ding, seine Erfindung», sagt Bettina Backes über ihren mittlerweile an Parkinson erkrankten Mann. «Dort hat er sich als Person komplett verwirklichen können.» Die Sendung sei für ihn nicht einfach ein Beruf gewesen, sondern ein Ort, an dem Neugier, Menschenkenntnis und sein Sinn für Zwischentöne zusammenkamen. Backes selbst nannte das «Nachtcafé» einmal sein Wohnzimmer oder sein liebstes Spielzeug.

Vom Chemiker zum Fernsehgastgeber

Geboren wurde Wieland Backes 1946 als Kind einer Flüchtlingsfamilie in Österreich, aufgewachsen ist er in der Nähe von Backnang bei Stuttgart. Er studierte Chemie und Geografie an der Universität Stuttgart und schrieb seine Doktorarbeit über die Lebensbedingungen in Ballungsräumen. Sein Blick galt den Strukturen – und den Menschen, die in ihnen leben.

Seit 1973 war er mit dem Süddeutschen Rundfunk und später dem Südwestrundfunk verbunden. Nach dem Ende des «Nachtcafés» 2014 blieb er als Gastgeber der Rate-Sendung «Ich trage einen großen Namen» dem Fernsehen erhalten. Auch dort interessierte ihn mehr als das Erraten berühmter Vorfahren: Er fragte, wie deren Nachkommen mit ihrem Erbe umgingen – ob sie im Schatten blieben, ihre Herkunft vermarkteten oder ob sie sich ein eigenes Leben schufen.

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ende 2019 verabschiedete sich Backes auch von dieser Sendung. «Es ist eine Kunst, aufhören zu können», sagte er damals. Er wolle nicht aus dem Studio getragen werden, sondern gehen, «wenn es am schönsten ist». Es war eine Entscheidung aus eigener Klarheit, kein Rückzug aus der Welt.

Später engagierte sich Backes unter anderem für die Bürgerinitiative «Aufbruch Stuttgart». «Das Engagement für die Bürgerinitiative war für ihn eine Herzensangelegenheit», sagt Bettina Backes über ihren Mann. «Er wollte dazu beitragen, die Lebensqualität der in der Stadt lebenden Menschen zu erhöhen.»

2019 veröffentlichte er den autobiografischen Band «Ich war ein schüchternes Kind vom Lande» – ein Titel, der seinen selbstironischen und unprätentiösen Blick auf das eigene Leben trifft. Und bis vor wenigen Jahren hielt er auch noch Lesungen aus seinen Büchern. Dann setzte sich die Krankheit zu sehr durch und schränkte ihn ein.

Offen im Umgang mit Parkinson

Dass Backes schwer an Parkinson erkrankt ist, gehört zu seinem Leben. Die Diagnose erhielt er bereits lange, bevor sie öffentlich bekannt war. «Wir haben die frühe Diagnose lange für uns behalten, bis die Krankheit zu sehr fortgeschritten war», sagt Bettina Backes. Stets sprach ihr Mann auch selbst öffentlich darüber – nicht, um auf die Krankheit reduziert zu werden, sondern um mitzubestimmen, wie über ihn gesprochen wird.

«Er ist stets offen und klar mit seiner Krankheit umgegangen, war immer positiv», sagt seine Frau. «Wir haben das einfach angenommen und gesagt, wir müssen damit irgendwie umgehen, wir müssen uns darauf einstellen.» Darin liegt kein Beschönigen, aber auch keine Selbstaufgabe. Backes blieb der Mann, der Menschen beobachtete, Fragen stellte und sich seine Neugier bewahrte.

Ein leiser Geburtstag

Zu seinem 80. Geburtstag gibt es deshalb keine große öffentliche Feier. «Nur ein kleines Festchen im Kreis der Familie», sagt seine Frau. Das passt zu einem Menschen, der den großen Auftritt nie mit Größe verwechselt hat.

Seinen Abschied vom Fernsehen habe er nie bereut, sagt Bettina Backes. «Er war am Ende seiner Fernsehkarriere ganz mit sich im Reinen und hat sich auf den neuen Lebensabschnitt gefreut, den er tatkräftig gestaltet hat.» Vielleicht ist das die schönste Bilanz seines Berufslebens: Wieland Backes musste nicht laut werden, um gehört zu werden. Er musste sich nicht aufdrängen, um in Erinnerung zu bleiben.

Quelle: dpa

 

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