Antisemitismus in Deutschland

Aigners Befund zu Judenhass: «Das "nie wieder!" ist tot»

22. Oktober 2026 , 19:52 Uhr

Ilse Aigner gibt eine schonungslose Analyse zum Judenhass in Deutschland. Doch sie sieht auch hoffnungsvolle Ansätze, um gegenzusteuern.

Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) hat in scharfen Worten ein Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland beklagt. «Das „nie wieder!“ ist tot», sagte sie auf einer Veranstaltung im Landtag laut veröffentlichtem Redetext. «Jüdische Menschen müssen wieder Angst haben, ihre Identität offen zu leben.» Weiter sagte Aigner: «Unsere Demokratie hat einen Schandfleck.» Man versuche, ihn wegzubekommen, das gelinge jedoch nicht. «Er ist noch tiefer ins Gewebe gedrungen. Noch größer geworden. Noch dunkler. Und immer hässlicher. Es ist: der Judenhass.»

Radikale Kräfte seien erstarkt, beklagte Aigner. Sie hätten Misstrauen und Wut im Volk gesät. «Und die Saat geht auf.» Die Gesellschaft sei ins Rutschen gekommen. Und eine Minderheit bekomme seit Jahrhunderten jede gesellschaftliche Unwucht als erste zu spüren: die jüdische Bevölkerung.

Dabei habe sie gedacht, dass man sich in Deutschland – «bis auf wenige unverbesserliche Irrlichter» – einig gewesen sei, dass Judenhass hier, wo Auschwitz erfunden worden sei, keinen Platz haben dürfe. Sie habe sich getäuscht, sagte Aigner. 

«Werfen wir nicht unseren Kompass weg»

Zugleich appellierte sie: «Die Totengräber des „nie wieder!“ - sie dürfen nicht das letzte Wort haben!» Sie mahnte: «Werfen wir doch nicht unseren Kompass weg. Wir dürfen Judenhass in keiner Form hinnehmen!» Es gebe bereits gute Ansätze, so werde vielfach juristisch eine «härtere Gangart» bei dem Thema eingeschlagen.

Der Spruch «Nie wieder ist jetzt» gilt allgemein als Hinweis darauf, Lehren aus dem Holocaust und der NS-Zeit zu ziehen. 

Aigner sprach nach Landtags-Angaben auf der Veranstaltung «Landtag im Gespräch», das Treffen trug die Überschrift «Der neue alte Wahn – der moderne Judenhass», Teilnehmende waren unter anderem die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch.

Die Landtagspräsidentin und frühere Bundesministerin gilt als mögliche Kandidatin der Union für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Quelle: dpa

Das könnte Dich auch interessieren

22.10.2026 Sondersitzung zur Vergesellschaftung von Wohnungen Linke, Grüne und SPD in Berlin diskutieren über die Übernahme von Wohnungen in städtischen Besitz. Das löste eine bundesweite Kontroverse aus, die nun sogar die Tagesordnung im Landtag beeinflusst. 22.10.2026 Pro & Contra zu längerer gemeinsamer Schulzeit im Landtag Bildungserfolg hängt oftmals vom sozialen Hintergrund ab. Würde die Einführung einer sechsjährigen gemeinsamen Grundschulzeit das verbessern? Was Fachleute dazu im Landtag zu sagen hatten. 22.10.2026 «Blauer Panther» für Polit-Streamer Marcant Er fragt Menschen, warum sie die AfD unterstützen, und setzt sich mit Rechtsextremen auseinander. Jetzt ist der Streamer Marcant als «Beliebteste Social-Media-Persönlichkeit» ausgezeichnet worden. 19.10.2026 Auschwitz-Überlebender Höllenreiner gestorben Hermann Höllenreiner überlebte das Vernichtungslager Auschwitz - und floh mit 11 Jahren auf einem der berüchtigten Todesmärsche vor den Nationalsozialisten. Nun ist er mit 92 Jahren gestorben.