Fünf Kerzen wurden bei einem Trauergottesdienst für die Opfer des Zugunglücks entzündet., © Karl-Josef Hildenbrand/dpa-Pool/dpa

Gottesdienst für Opfer des Zugunglücks: Verletztenzahl höher

Ein Meer aus Kerzen um ein schlichtes Holzkreuz vor dem Altar – sie leuchten für die Opfer des Zugunglücks von Garmisch-Partenkirchen. In der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt der Marktgemeinde haben katholische und evangelische Kirche am Samstag mit Angehörigen, Rettungskräften, Einheimischen und Vertretern der Politik einen bewegenden Gottesdienst gefeiert.

Das Unglück sei «brutal eingeschlagen» in das Leben der Menschen, es sei ein Einschnitt auch für den Ort, sagte der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, in der mit 300 Menschen besetzten Kirche. Der Gottesdienst sei Ausdruck der Trauer und Betroffenheit, «aber auch Ausdruck unserer Hoffnung». «Wir versuchen in Worte zu fassen, was man nicht in Worte fassen kann», sagte Marx, der den Gottesdienst mit dem evangelischen Regionalbischof Christian Kopp gestaltete. «Wir stehen mit leeren Händen vor Gott. Aber er kann sie füllen mit seinem Trost», sagte der Kardinal.

«Ihr müsst jetzt damit leben, dass Ihr dabei gewesen seid an diesem 3. Juni 2022 – und dass Eure Welt nun eine andere ist», wandte sich Kopp an Angehörige und Überlebende, an Rettungskräfte und andere Helfer in der Kirche. «Mitten in die feinsten Momente des Lebens knallt das schreckliche, beschissene Leben», sagte Kopp, der selbst einen Sohn verloren hat. «Die Schneise, die dieser Unglückssturm durch das Leben geschlagen hat, die wächst nicht einfach schnell zu.» Ein kleines Pflänzchen könne der Gottesdienst sein. «Gemeinsam sind wir hier und wir stärken uns gegenseitig. Es geht nur gemeinsam.»

Die Bischöfe dankten den Einsatzkräften – und sprachen den Verletzten Trost zu. Für diese nannte die Polizei am Sonntag neue, höhere Zahlen. Demnach wurden 16 Menschen schwer und 52 leicht verletzt. Sorge gilt besonders einer 34-jährigen Frau, deren Zustand weiter kritisch ist. Zuletzt war von über 40 Verletzten die Rede. Nun hätten sich aber etliche weitere Verletzte gemeldet.

Bayernweit trugen staatliche Dienstgebäude Trauerbeflaggung. Das hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für Samstag angeordnet.

Am Mittag des 3. Juni war ein Regionalzug Richtung München entgleist. Am letzten Tag vor den Pfingstferien war er auch mit vielen Schülern besetzt. Ein 13-Jähriger aus der Region, eine 51-Jährige aus Wiesbaden und eine 70-jährige Frau aus dem Landkreis München starben – und zwei 30 und 39 Jahre alte Mütter aus der Ukraine, die mit ihren Kindern vor dem Krieg geflüchtet waren.

Gesungene Gebete in ukrainischer Sprache setzten ein Zeichen für das Schicksal dieser Frauen und ihrer Kinder – die nun Halbwaisen sind. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht diese besondere Tragik an. Es seien Frauen gewesen, «die auf Sicherheit in unserem Land gehofft haben. Und gerade bei uns ums Leben gekommen sind».

Er spricht den Angehörigen der Opfer im Namen der Staatsregierung Beileid aus und dankt den Rettungskräften, darunter viele Ehrenamtliche, die womöglich Schwerverletzten mit ihrem raschen Einsatz das Leben gerettet hätten. 750 seien es gewesen, die bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit geholfen hätten, sagt Herrmann. Viele der Helfer in Uniform sitzen in der Kirche, stellen nach dem Gottesdienst wie die anderen Besucher ein brennendes Teelicht auf.

Unter anderem auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) Landrat Anton Speer (FW), Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) und Vertreter der Bahn sind zum Gottesdienst gekommen. Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) hat ein Gesteck mit weißen Rosen als Schmuck für den Altar gebracht. Dahinter steht ein großer Strauß roter und weißer Rosen.

Blumen erinnern nahe der Unfallstelle an das Unglück – wo noch die Lok und ein Waggon auf den Gleisen stehen, direkt neben der Bundesstraße nach Garmisch-Partenkirchen: ein unübersehbares Zeichen für die bei strahlendem Wetter am Wochenende heranströmenden Ausflügler. Autofahrer konnten auf einem Platz neben der Straße auch schon geborgene zertrümmerte Waggons, sichergestellte Fahrgestelle und Schienenteile sehen.

Bei der Suche nach der Ursache liegt der Fokus auf einem technischen Defekt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung gegen drei Mitarbeiter der Bahn. Die rund 50 Mitarbeiter umfassende Soko «Zug» arbeitet auf Hochtouren, die Gründe für das Unglück zu klären. Dutzende Fahrgäste wurden vernommen.

Die Ermittler suchen weiter Fahrgäste, die bislang keinen Kontakt mit der Polizei hatten. Sie seien wichtige Zeugen. Zudem riefen die Beamten auf, Bilder und Videos vom Unglückstag für die Ermittlungen zur Verfügung zu stellen. Dazu wurde ein Upload-Portal geschaltet.

Die Bahn hat begonnen, die Gleise nördlich der Unglücksstelle instand zu setzen, um die Lok und den letzten Waggon abzutransportieren. Während Bahnmitarbeiter dort zu Gange sind, kämpfen Besucher in der Kirche mit den Tränen. «Nehme die Opfer des verheerenden Zugunglücks in deine liebevollen Hände und gebe den Hinterbliebenen Kraft, Liebe und Zuversicht», hat jemand in das Fürbitt-Buch geschrieben. Noch sei die Unfallursache nicht geklärt, sagt Innenminister Herrmann – und «die tränenreichen Fragen, warum gerade unser Bub, gerade unsere Mutter, können sowieso nicht technisch beantwortet werden».