Ein Mitarbeiter trägt bei der UN-Klimakonferenz COP26 einen Stuhl von einer Bühne., © Christoph Soeder/dpa

Was aus den Zusagen zum Klimaschutz von Glasgow wurde

Es war eine Premiere in der gut 25-jährigen Geschichte der Weltklimagipfel: Die UN-Konferenz in Schottland läutete vor einem Jahr den weltweiten Abschied von der Kohle ein. Erstmals gab es dafür einen Konsens unter den rund 200 Staaten – zumindest auf dem Papier, festgehalten im «Klimapakt von Glasgow». Stolz verkündet wurden auch andere Vereinbarungen, etwa zum Stopp der Entwaldung oder zur Verringerung des Treibhausgases Methan. Doch was ist daraus geworden, kurz vor dem Start der nächsten UN-Klimakonferenz am 6. November in Ägypten?

Weniger Kohleverbrennung und Stopp fossiler Subventionen?

Die Staaten versprachen nach zähem Ringen in Glasgow erstmals, die klimaschädliche Kohleverbrennung schrittweise herunterzufahren. Auch «ineffiziente» Subventionen für Öl, Gas und Kohle sollen wegfallen. In einer «Koalition der Willigen» sagten zudem mehr als 40 Staaten zu, sich komplett von der Kohle zu verabschieden: die Industriestaaten in den 2030er, andere spätestens in den 2040er Jahren. Außerdem versicherte eine Reihe von Staaten, gar nicht mehr in Kohle, Öl und Gas zu investieren – darunter verspätet auch Deutschland.

Wenige Monate später marschierte Russland in die Ukraine ein – und der Krieg warf vieles über den Haufen. Weil kein russisches Gas mehr nach Europa fließt, steckt etwa Deutschland Milliardensummen in neue Flüssiggasterminals an der Küste. Auch Kohlekraftwerke wurden wieder hochgefahren, um die Stromversorgung in diesem Winter zu garantieren. Ähnlich läuft es in anderen Teilen Europas. Dennoch versichern alle, das EU-Klimaschutzziel schaffen zu wollen, also bis 2030 mindestens 55 Prozent der Treibhausgase im Vergleich zu 1990 einzusparen.

Auch bei den Subventionen für Kohle, Öl und Gas zeigt der Trend in die falsche Richtung. Wie die Industriestaatenorganisation OECD und die Energieagentur IEA Ende August meldeten, verdoppelte sich 2021 in insgesamt 51 Ländern die Gesamtförderung für die Gewinnung und den Verbrauch fossiler Energieträger auf 697,2 Milliarden US-Dollar – 2020 seien es noch 362,4 Milliarden Dollar gewesen. «Subventionen für fossile Energieträger versperren den Weg in eine nachhaltigere Zukunft – in Zeiten hoher und volatiler Energiepreise ist es für die Regierungen jedoch noch schwieriger, sie abzubauen», fasst IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol ernüchtert zusammen.

Stopp der Entwaldung?

Holzt die Welt weiter ihre grünen Lungen ab, sind die Klimaziele unerreichbar – da sind sich Experten einig. In Glasgow verpflichteten sich daher mehr als 140 Länder, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen und massiv aufzuforsten. Die kürzlich veröffentlichte Auswertung Forest Declaration Assessment, die auch mit staatlichen Mitteln des Bundes mitgefördert wird, kommt zu dem Schluss, dass das Tempo deutlich zunehmen muss, wenn dieses Ziel erreicht werden soll.

So reduzierte sich im Jahr 2021 die Entwaldung nur um 6,3 Prozent im Vergleich zum Vergleichszeitraum 2018 bis 2020 – in den Tropenwäldern sogar nur um rund drei Prozent. Nötig für das Erreichen des Ziels wären jährlich 10 Prozent. Mit der Aufforstung geht es immerhin voran: So wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Fläche so groß wie Peru aufgeforstet, viele Länder kommen auf eine positive Nettobilanz. Dennoch überstieg die Entwaldung die Aufforstung deutlich, und es gingen weltweit 100 Millionen Hektar Wald verloren.

«Viele Länder gefährden ihren Fortschritt, indem sie den Schutz des Waldes zurückfahren oder auslaufen lassen», sagte Erin Matson von der Organisation Climate Focus, die an dem Bericht beteiligt war. So habe etwa Indonesien sein Palmöl-Moratorium nicht erneuert und ein Jobprogramm eingeführt, das Wälder gefährde.

Hoffnung macht die Wahlniederlage des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. «Wir werden den illegalen Goldabbau beenden und sehr ernsthaft gegen die Abholzung kämpfen», kündigte Wahlsieger Luiz Inácio Lula da Silva an. Die Bundesregierung will daher auch Fördergelder zum Schutz des Regenwalds wieder freigeben. Die Mittel aus dem «Amazonienfonds» waren während Bolsonaros Amtszeit auf Eis gelegt worden.

Weniger Methanausstoß?

Alle Welt redet über CO2 – doch das zweitschädlichste Klimagas Methan richtet in der Atmosphäre ebenfalls enormen Schaden an und muss reduziert werden. Unter Federführung der USA und der EU setzten sich mehr als 100 Länder in Glasgow das Ziel, den Methanausstoß bis 2030 um mindestens 30 Prozent im Vergleich zu 2020 zu senken. Sogar China und die USA wollten strategisch zusammenarbeiten, auch wenn China – wie auch Indien und Russland – sich dem Pakt formell nicht angeschlossen hat. Der Hoffnungsschimmer trübte sich schnell, als sich die geopolitische Situation im Laufe dieses Jahres verschärfte und China und die USA jegliche Kooperation über Bord warfen.

Außerdem machte die Weltwetterorganisation (WMO) eine alarmierende Entdeckung: Demnach ist die Konzentration des mächtigen Treibhausgases Methan in der Atmosphäre seit Beginn der systematischen Messungen vor fast 40 Jahren nie so stark gestiegen wie 2021. «Der Grund für diesen außergewöhnlichen Anstieg ist nicht klar, scheint aber sowohl auf biologische als auch auf vom Menschen verursachte Prozesse zurückzuführen zu sein», hieß es. Die Konzentration von Methan in der Atmosphäre habe damit 2021 einen Höchststand erreicht, ebenso wie die von Kohlendioxid und Lachgas – jeweils seit Beginn der Messungen dieser Treibhausgase.

«Wir haben gesehen, dass erstes Geld auf den Tisch gelegt wird, angeführt von den USA, Deutschland, Norwegen und Kanada», meint die Expertin Maria Pastukhova von der Denkfabrik E3G zum Fortschritt des Vorhabens. Die internationale Stiftung Changing Markets Foundation kritisiert, die EU selbst nutze ihre Gesetzgebungskompetenzen nicht, um etwa in der Agrarpolitik die entscheidenden Hebel zu nutzen.

Verschärfte Klimaziele?

«Die Dynamik beim Klimaschutz seit COP26 hat sich insgesamt verlangsamt», hält E3G-Experte Tom Evans fest. Obwohl sich alle Länder verbindlich darauf geeinigt haben, ihre nationalen Klimaziele für 2030 innerhalb eines Jahres zu verschärfen, haben dies bislang nur 26 getan und einige auch nur minimal. Das Erreichen des 1,5-Grad-Ziel bleibt so völlig außer Reichweite. «Das Tempo der Umsetzung dieser Pläne bleibt unzureichend», sagt Evans.