Stijn Roovers, Manager bei Permafungi, hält einen mit Kaffeesatz gefüllten Plastiksack, auf dem Austernpilze wachsen, in die Kamera. Das belgische Unternehmen züchtet Austernpilze mit altem Kaffeesatz aus umliegenden Cafés., © Daniel Josling/dpa

Mehr als alter Kaffee – Kreative Nutzung von Kaffeesatz

Kaum ein Getränk ist in Deutschland so beliebt: Jeder Bundesbürger trinkt davon nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands rechnerisch pro Jahr knapp 170 Liter. Kaffeehandel ist ein Milliardengeschäft und für viele Länder weltweit eine wichtige Einnahmequelle.

Betrachtet man den gesamten Produktionszyklus einer Tasse Kaffee – von der Kaffeebohne bis etwa zum fertigen Espresso – stellt man fest, dass bei der Kaffeeverarbeitung große Mengen an Nebenprodukten anfallen. Ein Großteil davon landet im Müll – unter anderem riesige Mengen an Kaffeesatz.

Doch zum Wegwerfen sei dieser zu schade, findet Inna Bretz. Die Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) forscht seit Jahren an der Weiternutzung von industriellem Kaffeesatz. «Kaffeesatz als Rohstoff ist ein wertvolles Produkt», sagt die Chemikerin. Der Sud könne etwa als Mittel zur Entfernung von Farbstoffen verwendet werden – aber auch als Dünger für zahlreiche Pflanzen oder Pilzsubstrat.

Nähstoff für Austernpilze

Das machen sich manche Firmen zunutze: Im Norden Brüssels etwa, zwischen Eisenbahnschienen und Kanal, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Stränge von Transport und Handel einer Kolonialmacht zusammenliefen, werden in den kühlen, feuchten Kellern des historischen königlichen Zolldepots mit Hilfe von Kaffeeabfällen aus umliegenden Cafés und Restaurants frische Austernpilze gezüchtet.

Rund fünf Tonnen Kaffeesatz sammelt das Unternehmen Permafungi jeden Monat und packt ihn zusammen mit Stroh und Pilzsporen in lange Plastiksäcke, die von den Kellerdecken hängen und in denen die Pilze gedeihen. Kaffeesatz bietet nämlich einen perfekten Nährboden zur Pilzzucht. Nach etwa zwei Wochen werden die Pilze geerntet und an nahegelegene Märkte verkauft.

Nach der Ernte werden die Reste der Mischung aus Kaffeesatz und Stroh mit neuen Pilzsporen vermischt und zu einem organischen Baumaterial verarbeitet, das zur Produktion von Platten zur thermischen oder akustischen Isolierung, von Lampenschirmen oder Verpackungsmaterial genutzt werden kann. Man wolle den städtischen Müll nicht nur reduzieren, sondern auch weiterverwerten, erklärt der Manager von Permafungi, Stijn Roovers.

Konkurrenz für Kunststoffe

«Auf der ganzen Welt gibt es einen Haufen Kaffeeabfälle – auch hier in Brüssel.» In den Großstädten Belgiens lande nur ein kleiner Teil davon tatsächlich auf dem Kompost. Das Meiste werde zusammen mit dem normalen Hausmüll verbrannt.

Langfristig möchte das Unternehmen, dass seine myzelbasierten Produkte – also Produkte, die aus einem robusten Geflecht aus winzigen Pilzfäden bestehen – mit Kunststoffen konkurrieren. Vor allem in den Bereichen Verpackung und Isolierung. «Während Materialien wie Styropor rund 500 Jahre brauchen, bis sie sich einigermaßen zersetzen, lösen sich myzelbasierte Materialien in nur wenigen Wochen vollkommen auf», sagt Roovers.

Er sei davon überzeugt, dass Mykologie – die Wissenschaft von Pilzen – nicht nur wirtschaftlich interessant sei, sondern der Menschheit auch dabei helfen könnte, klimafreundlicher zu leben.

Der Idee, Kaffeesatz als organisches Substrat zur Pilzzucht zu verwerten, spreche nichts entgegen, sagt Abfallexperte Rolf Buschmann vom Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). «Ich halte das für eine gute und sinnvolle Sekundärverwertung.» Allerdings habe er noch Bedenken, wenn Firmen kompostierbares Verpackungsmaterial auf den Markt bringen.

Einweg oder Mehrweg

Generell fehle es noch an Transparenz: «Was mache ich am Ende mit diesem Produkt? Wo geht es genau hin? Bei Verpackungsmaterialien ist das aktuell noch nicht gut gelöst – egal bei welchem Material», sagt Buschmann.

Ziel dürfe nicht sein, Einweg mit Einweg zu ersetzen. Vielmehr müsse Einweg mit Mehrweg ersetzt werden, findet Buschmann. Als Baustoff für die langlebige Nutzung sei das Material deshalb wesentlich interessanter – vor allem weil es sehr stabil sei.

Langlebigkeit hat sich auch das Berliner Unternehmen Kaffeeform groß auf die Fahne geschrieben. Auch hier wird Kaffeesatz aus umliegenden Cafés gesammelt. Statt aus Pilzen werden aus Kaffeeresten Mehrweg-Becher und sogar Uhren hergestellt. Damit sich die Becher bei Berührung mit heißer Flüssigkeit nicht auflösen, wird dem Kaffeesatz pflanzliches Bindemittel beigemischt – zum Beispiel Holzfasern von Buchen, Zellulose oder sogenannte Biopolymere. Das sind Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden – beispielsweise aus Mais.

Kompostierbar sind die Kaffeebecher deshalb nicht. Dies sei zwar schade, aber die Tatsache, dass dies ausdrücklich auf deren Homepage vermerkt wurde, findet Buschmann sympathisch: «Das ist richtig und gut so.» So etwas sollte man dem Verbraucher nicht fälschlicherweise einreden. Denn nur weil Produkte aus Biomaterialien produziert werden, seien sie nicht automatisch kompostierbar.