UN-Generalsekretär António Guterres: «Die Welt brennt und ertrinkt vor unseren Augen.», © Christophe Gateau/dpa

Die Klimakonferenz, eine Baustelle

In einem leidenschaftlichen Appell an die reichen Industriestaaten hat UN-Generalsekretär António Guterres mehr Hilfe für ärmere Länder in der Klimakrise gefordert.

Nötig sei eine ehrgeizige und glaubwürdige Abmachung über Ausgleichszahlungen für deren Klimaschäden, sagte er auf der Weltklimakonferenz in Ägypten. «Die Zeit des Redens über Verluste und Schäden ist vorbei. Es muss gehandelt werden.» Keiner könne das Ausmaß der Krise rund um den Globus leugnen. «Die Welt brennt und ertrinkt vor unseren Augen.»

Mit Blick auf die zähen Verhandlungen der etwa 200 Staaten in Scharm el Scheich, die am Freitag enden sollen, sagte Guterres, es gebe einen Vertrauensverlust zwischen Nord und Süd, zwischen entwickelten Wirtschaftsmächten sowie Schwellen- und Entwicklungsländern. «Aber dies ist nicht die Zeit, um mit dem Finger auf andere zu zeigen», sagte er – es gehe schließlich um die größte Herausforderung der Menschheit. «Die Welt schaut zu und hat eine simple Botschaft: Macht weiter und liefert.»

Mit teils scharfer Kritik hatten zuvor Umweltorganisationen und Dutzende Regierungsvertreter auf Eckpunkte für die Abschlusserklärung des UN-Klimagipfels in Ägypten reagiert. In dem 20-seitigen Papier mit vielen ungeklärten Streitfragen wird zwar ein schrittweiser Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle eingefordert – aber nicht der Abschied von Öl und Gas.

Ungelöst blieb am Donnerstag auf der COP27 auch die Streitfrage, ob arme Staaten von den Industriestaaten Ausgleichszahlungen bekommen für unabwendbare Klima-Schäden – etwa nach Dürren, Überschwemmungen und Stürmen. Diese Wetterextreme werden wegen der Erderhitzung heftiger und häufiger und treffen gerade arme Staaten am schlimmsten.

Kohle, Öl und Gas?

Der geschäftsführende Vorstand von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, sagte, der weltweite Ausstieg aus Öl und Gas müsse jetzt «mit Hochdruck» in das Dokument eingearbeitet werden. Dafür müsse sich auch Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) einsetzen. «Es wäre absolut inakzeptabel, wenn am Ende einer zweiwöchigen Klimakonferenz inmitten des Klimakollaps maximal die Ergebnisse aus dem Vorjahr wiederholt würden.» Baerbock hatte tags zuvor betont, die Konferenz müsse Signale für den Abschied von Kohle, Öl und Gas setzen.

Der Oxfam-Experte Jan Kowalzig sagte der Deutschen Presse-Agentur, es wäre «ein großes Versäumnis», wenn die Konferenz kein klares Signal aussende, dass die Abkehr von allen fossilen Energien unvermeidlich ist. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, kritisierte, dass etwa Saudi-Arabien beim Klimaschutz nicht über fossile Energieträger sprechen wolle. Das sei so wie zu sagen, dass sich die Wirtschaft nicht um Geld drehe.

Die zweiwöchige Konferenz, zu der etwa 34.000 Menschen angereist sind, soll planmäßig Freitag enden. Eine Verlängerung gilt aber als wahrscheinlich.

Arme Länder pochen auf Ausgleichzahlungen

Im Ringen um Ausgleichszahlungen für Klimaschäden schlugen Entwicklungsländer und besonders bedrohte Inselstaaten Alarm – und nahmen Industrieländer wie Deutschland in die Pflicht. «Warum sollten wir den höchsten Preis zahlen?», fragte Molwyn Joseph, der für Antigua und Barbuda die Gruppe der kleinen Inselstaaten vertritt. Ein Fonds zum Ausgleich für Klimaschäden müsse jetzt auf dieser Konferenz beschlossen werden. Alles andere wäre «nicht weniger als Betrug».

Die pakistanische Klimaministerin Sherry Rehman warnte: «Die Uhr tickt – nicht nur für diese COP, sondern auch für die Menschheit.» Sie vertritt die Gruppe der G77 – einen Zusammenschluss von mittlerweile mehr als 130 Entwicklungsländern. Die feste Einrichtung eines Finanztopfs sei das Mindeste, was kommen müsse.

Außenministerin Baerbock betonte, man wolle ein Finanzierungsinstrument für klimabedingte Schäden. Aber dabei komme es darauf an, denjenigen zu helfen, die am meisten unter dem Problem litten und außerdem müssten unterschiedliche Finanzierungsquellen genutzt werden. Man habe ein «Finanzmosaik» vorgeschlagen, dessen einer Bestandteil etwa der von Deutschland unterstützte Schutzschirm gegen Klimarisiken sein könne, der im Krisenfall schnelle Hilfe leisten soll.

Ausdrücklich nahm Baerbock auch China in die Pflicht, das mengenmäßig inzwischen weltweit am meisten Treibhausgase ausstößt. Die Volksrepublik müsse dann auch für die Schäden der Zukunft mit aufkommen, «wenn sie nicht bereit sind, ihre eigenen Emissionen in Zukunft radikal herunterzubringen», sagte sie RTL und n-tv. Ähnlich äußerte sich EU-Kommissionsvize Frans Timmermans.

In dem von Ägypten vorgelegten Text werden die Staaten auch aufgefordert, ihre größtenteils unzulänglichen Klimaschutzpläne, die sie bei der UN einreichen, bis spätestens zur nächsten Klimakonferenz nachzubessern. Die findet Ende 2023 in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt.

1,5-Grad-Grenze

Oxfam-Experte Kowalzig rügte, es würden keine brauchbaren Schlussfolgerungen daraus gezogen, dass die Pläne zu lax sind. «Diesbezüglich fehlt dem Text erheblich an Dringlichkeit und politischem Willen, das Ruder noch herumzureißen, bevor die wichtige 1,5°C-Grenze außer Reichweite gerät.»

2015 hatten die Staaten in Paris vereinbart, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Die Welt hat sich nun schon um gut 1,1 Grad erwärmt, Deutschland noch stärker. Ein Überschreiten der 1,5-Grad-Marke erhöht nach Warnungen der Wissenschaft deutlich das Risiko, sogenannte Kippelemente im Klimasystem und damit unkontrollierbare Kettenreaktionen auszulösen.

«Die Klima-Uhr tickt und das Vertrauen schwindet weiter», warnte Guterres. Die Teilnehmer der Klimakonferenz könnten etwas ändern, hier und jetzt. «Ich rufe sie zum Handeln auf – und zwar schnell.»